Der Anteil von fossiler Heizenergie (Erdgas und Erdöl) ist in der Gemeinde Eben und in der gesamten Region am Achensee sehr hoch. Vor allem die großen Heizungsanlagen der vielen Hotels erzeugen durch die Verbrennung sehr viele CO2-Emissionen, die gemäß der Tiroler Energiestrategie „Energieautonomie 2050“ im Jahressaldo bis zum Jahr 2050 zu 100 % aus heimischen erneuerbaren Energieträgern substituiert werden müssen.
Um dieses Ziel erreichen zu können, braucht es eine erhebliche Steigerung der Energiebedarfsdeckung aus erneuerbaren Energiequellen. Daher wurde im Ortsteil Pertisau mit Unterstützung des EFRE in Höhe von rund EUR 23.000,- eine Machbarkeitsstudie über die Installation einer Seethermieanlage erstellt. Mit dieser wurde überprüft, ob es möglich ist, das Wasser des Achensees für die Energieerzeugung nachhaltig zu nutzen.
Lesen Sie im folgenden einen Gastbeitrag der Gemeinde Eben am Achensee dazu, wie die Gemeinde Pertisau auf Grundlage der Ergebnisse der Machbarkeitsstudie seine Energieversorgung umweltschonend modernisieren kann!
Machbarkeitsstudie Seethermie Pertisau – Gemeinde Eben am Achensee
1. Projektidee
Im Ausschuss E5-Umwelt, Energie und Verkehr der Gemeinde Eben am Achensee entstand während der Energiekrise 2022/2023 die Idee, Seethermie zur Wärme- und Kälteversorgung zu nutzen. Da rund 80 % des Energiebedarfs in der Gemeinde durch fossile Energieträger gedeckt werden und eine nachhaltige Versorgung mit Holz aus einem Umkreis von 50 bis 80 Kilometern nicht möglich ist, bietet Umweltwärme eine einzige nachhaltige Alternative.
Zusammen mit der Energieagentur Tirol und dem Regionalmanagement Schwaz wurde eine LEADER-CLLD-IBW-Förderung für eine Machbarkeitsstudie beantragt und erhalten. Die Studie zeigte, dass das Projekt technisch umsetzbar und genehmigungsfähig ist und einen hohen ökologischen Mehrwert im Hinblick auf die Dekarbonisierung bietet.
2. Grundlagen der Seethermie
Die Seethermie nutzt die stabile Wassertemperatur in Tiefen von 20–30 m des Achensees zur Wärme- und Kälteversorgung. Das Wasser weist dort ganzjährig 4–6 °C auf und wird über Leitungen entnommen, über Wärmetauscher geführt und um ca. 2,0–3,0 °C abgekühlt. Danach erfolgt die Rückgabe in ähnlicher Tiefe, um die Schichtung des Sees nicht zu beeinflussen. Seethermie nutzt lediglich minimale Temperaturunterschiede – der See selbst bleibt ökologisch weitgehend unbeeinträchtigt. In der Schweiz sind bereits viele Seethermieprojekte umgesetzt und seit vielen Jahren in Betrieb.
Über ein Anergienetz („Fernkältenetz“) wird das Kaltwasser im Ortsgebiet über Kunststoffleitungen verteilt. Das Wasser hat eine Temperatur von +5 °C bis +10 °C und versorgt Gebäude mit einer idealen Wärmequelle für Sole/Wasser-Wärmepumpen. Jede Liegenschaft hebt die Temperatur individuell auf das benötigte Niveau der Heizungsanlage bzw. für die Warmwassererzeugung an. Passive Kühlung ist vor allem für Hotels und Gewerbebetriebe im Sommer ohne zusätzliche Kältemaschine möglich.
3. Energie- und Leistungsdaten
Die in der Studie ausgewertete Wärmeleistung liegt – abhängig von der Anschlussquote – zwischen 5,2 MW und 10,5 MW. Bei einem vollständigen Ausbau ergibt sich ein jährlicher Wärmebedarf von etwa 23,6 GWh. Der Kältebedarf liegt mit ca. 0,2 GWh pro Jahr bei 0,6 % des Wärmebedarfs. Im Vergleich hat der Achensee ein verfügbares thermisches Potenzial von 320 GWh, welches jährlich durch Niederschlag und Schmelzwasser natürlich regeneriert wird.
Für die Seewasserförderung werden – je nach Anschlussdichte – Wassermengen zwischen 1.140 m³/h und 1.700 m³/h benötigt. Im Winter erfolgt die Abkühlung des Seewassers dabei um rund 2,0–3,0 °C. Das jährliche CO₂-Einsparpotenzial beträgt je nach Netzvariante bis zu 6.158 t CO₂. Dies stellt eine massive ökologische Entlastung für die Region dar.
4. Ökologische Auswirkungen
Die Entnahme und Rückgabe der Wassermengen erfolgt unterhalb der Sprungschicht (>25–30 m). Dadurch werden sowohl Nährstofftransporte als auch eine Durchmischung der oberen Wasserschichten verhindert. Untersuchungen an Schweizer Seethermieprojekten zeigen, dass solche Nutzungen die ökologische Balance des Sees nicht beeinträchtigen.
Die thermische Veränderung des Gewässers ist lokal begrenzt und gering. In Anlehnung an die Bodenseerichtlinie muss ein Nachweis erbracht werden, dass im Abstand vom Einleitpunkt in einem Bereich von 20 x 20 x 10 m eine Temperaturveränderung kleiner 1 °C eingehalten wird. Die Studie fordert ein einjähriges Temperaturmonitoring bis 50 m Wassertiefe, um die behördlichen Anforderungen zu erfüllen und die thermische Ausbreitung zu modellieren.
Zu den ökologischen Vorteilen zählen: keine lokalen Emissionen, kein Feinstaub, keine optischen oder akustischen Beeinträchtigungen sowie der Wegfall fossiler Brennstoffe insbesondere in der Hotellerie. Mit der Seethermie wird der Überwärmung von Seen durch den Klimawandel, welche ein drastisches Umweltproblem darstellt, entgegengewirkt. Die Technologie gilt als ökologisch sehr verträglich, insbesondere im Vergleich zu Biomasse- oder Luftwärmepumpenanlagen.
5. Zusammenfassung
Die im Juli 2025 abgeschlossene Machbarkeitsstudie zeigt klar, dass die Nutzung der Seethermie in Pertisau technisch umsetzbar, ökologisch unbedenklich und energetisch sinnvoll ist. Das System ermöglicht hohe CO₂-Einsparungen, eine stabile und regionale Wärmeversorgung und passt hervorragend zur touristischen nachhaltigen Ausrichtung des Ortes. Mit einem Anergienetz kann ein nahezu vollständig erneuerbares Energiesystem für Pertisau aufgebaut werden. Die nächsten Projektschritte – neben der Gründung einer Betreibergesellschaft, Finanzierung etc. – sowie die wasserrechtliche Genehmigung sind in Ausarbeitung.